WEIMAR: Festspiel-Chef Hansgünther Heyme stellte das diesjährige Programm vor / Eröffnung mit Hommage an Bach.
Nach ”zweijährigem Exil” finden die Ruhrfestspiele nun im umgebauten, ‘’schönsten Festspielhaus der Bundesrepublik” (Heyme) statt, in ihrem alten Zentrum, und zwar mit einem Programm, das sich sehen lassen kann: Mit Paukenschlagen und Raritäten des Theaters. Vorbei ist das Provisorium, das Suchen nach geeigneten Aufführungsorten in Marl und Recklinghausen. Das Theaterzelt im Stadtgarten, das ”Kleine Theater” im Festspielhaus und die Grubenwerkstatt auf dem Gelände der Zeche Auguste Victoria 1/2 in Marl sind die Schauplätze des Festspiels.
Und: Das Festival versteht sich mehr denn je als moralische Anstalt, als politische Veranstaltung, freilich ohne Oberlehrer-Attitüde, wie deren Leiter Hansgünther Heyme auf der Pressekonferenz in der Klassikerstadt Weimar betonte: Eine durch und durch beschauliche Provinzstadt mit den Spuren von Goethe und Schiller, Wieland und Herder. Aber auch ein Ort, über dem der gewaltige Schatten von Buchenwald liegt.
Die Inszenierungen stehen diesmal unter dem durchaus provokanten Motto ”Europa heute: Macht geht vor Recht?”, ein Ausspruch, der Bismarck zugeschrieben wird. Hansgünther Heyme will den Finger in die Wunden einer Politik legen, die heute immer wieder durch das Gewalt-Spiel der Mächtigen geschlagen werden. Also: Gefälligkeitstheater wird hier wie gehabt nicht verabreicht. Und das Publikum, das sich in der Vergangenheit von den fremdsprachigen Aufführungen überfordert fühlte, kann aufatmen: Es wird sie so nicht mehr geben.
Eröffnet werden ”die Spiele” wie alle Jahre wieder mit dem Kulturfest am 1. Mai. Doch, so Heyme, möglichst ohne die Alkohol-Exzesse, Stink-Orgien und Brutalitäten vom Vorjahr, als rund 150 000 Besucher erschienen waren und der Raum eng wurde. Mit einem ”Dreierschlag” geht es weiter: Mit der musikalisch-theatralischen Performance der Companyia Carlos Santos aus Barcelona, einer Hommage an Johann Sebastian Bach, die bereits als ”ein Juwel” in der Presse gefeiert wurde. Es folgt der Bilderrausch ”Shazam!” der Tanzcompagnie ”DCA” aus Frankreich, die einen Bombenerfolg in Paris verzeichnen konnte.
Der Regie-Star Robert Wilson ist der Dritte in der Aufführungs-Trilogie: Mit Strindbergs ”Traumspiel” schafft er abermals eine magisch-kunstvolle Welt aus Ton, Licht und Bewegung.
Das ”Kleine Theater” im Ruhrfestspielhaus wird mit Tschechows ”Möwe”, inszeniert von Heyme , eröffnet, dessen Ausgrabung ”Der Ion des Euripides” bereits in Lausanne Furore machte und in der Grubenwerkstatt zu sehen sein wird. Auch Heymes bestechende ”Nora”-lnszenierung vom Vorjahr steht erneut auf dem Programm.
Der herrliche ”CirQue Plume”, der ”den Himmel auf die Erde ziehen will”, offeriert eine Uraufführung, aus Lausanne kommt Maurice Be’jarts Koproduktion ”Tango”und Lorcas ”Bluthochzeit”. Aus Südafrika gelangt das Anti-Musical ”The Zulu” auf die Festspiel-Bühne, die Folkwang-Hoctischule präsentiert deftige Bühnenkost mit Shakespeares ”Lustigen Weibern von Windsor”, und das Folkwang-Tanzstudio zeigt ”Itambe”’, eine Choreographie von Henrietta Horn.
Die alten Bekannten, die Akteure von ”Fura dels Baus”, die das konventionelle Theater scheuen wie der Teufel das Weihwasser und manchen Zuschauer längst schockierten, wollen das Haus mit einer Performance über Lorca erschüttern und neuerdings für Gesprächsstoff sorgen.
Die Kabarett-Freunde werden ebenfalls bedient: Volker Pispers und eine ”neue Formation” der Lach- und Schießgesellschaft könnten frischen Wind in den Polit-Alltag bringen. Und das ”junge forum” will mit ”Rum für die Ohren”, einem Konzert mit kubanischen Stimmen, wieder mehr Aufmerksamkeit erringen.
In der Kunsthalle wird Museumschef Ferdinand Ullrich einen Kultur-Hit landen: 60 Skulpturen aller Schaffensperioden zum Thema ”Liegende” von Henry Moore werden das Publikum in Scharen in den Kunstbunker locken. Wahrscheinlich ist mit einem Besucherrekord zu rechnen. Ullrich will jedenfalls die Öffnungszeiten verlängern.
Keine Frage; Das nun gläserne und früher oft geschmähte Ruhrfestspielhaus wird über Mangel an Resonanz nicht klagen!
(Quelle: Waltroper Zeitung vom 18.01.99 VON KLAUS LAMZA)