Erhöhte Vorsicht zwischen Hannover und Berlin - Sonderkommission ermittelt
Hamburg - Nach der Serie von Anschlägen auf die Bahn sind die Sicherheitsmaßnahmen auf der ICE-Strecke Berlin-Hannover voll angelaufen. “Wir tun, was möglich ist”, sagte ein Beamter des Bundesgrenzschutzes am Montag. Er bestätigte, dass alle Schnellbahnstrecken im Bereich Hannover bereits mit Bundeswehr-Tornados überwacht würden. Außerdem kämen Hubschrauber mit Nacht- und Wärmesichtgeräten zum Einsatz. Die Anzahl der Einsatzkräfte sei verstärkt worden, um sämtliche Strecken in diesem Bereich zu überwachen.
Zur Aufklärung der Anschläge auf den Schienenverkehr und der Erpressung der Deutschen Bahn hat auch die Polizeidirektion in Stendal eine Sonderkommission gebildet. Sie sei für die gesamte ICE-Strecke Berlin-Hannover in Sachsen-Anhalt zuständig, sagte ein Polizeisprecher. Die Stendaler Soko arbeitet eng mit dem Bundesgrenzschutz (BGS) zusammen. “Der BGS sichert die Anlagen, wir ermitteln”, sagte der Beamte. Die Soko unterstehe direkt dem Bundeskriminalamt, das seit vergangenem Freitag federführend bei den Ermittlungen um die Erpressung sei.
Die Gewerkschaft der Eisenbahner (GdED) hat die Bahn unterdessen wegen ihres Umgangs mit der Anschlagserie kritisiert. Der GdED-Vorsitzende Rudi Schäfer warf dem Unternehmen vor, die Erpresser nicht ernst genug genommen zu haben.
Er monierte, dass er erst Freitag über die Erpressung informiert wurde.
Bereits am Sonntag war bekannt geworden, dass bundesweit alle Hauptstrecken mit Hubschraubern überwacht werden. ICE-Loks sind zum Teil mit Bundesgrenzschutz-Beamten besetzt, die die Gleisanlagen mit Nachtsichtgeräten beobachten. Die Zeitung “Bild am Sonntag” hatte berichtet, die Zahl der Vorfälle sei weit höher als bisher bekannt. Seit September habe es allein an der Strecke Berlin-Hannover zehn Sabotageakte gegeben. Das Bundeskabinett beschloss deshalb intensivere Sicherheitsmaßnahmen.
Unbekannte Täter erpressen die Bahn AG seit Wochen. Sie fordern zehn Millionen Mark. Die Erpresser, die sich “Freunde der Eisenbahn” nennen, hatten in vier Briefen damit gedroht, Gleise zu beschädigen. Bei den Anschlägen entstand bislang ein Millionenschaden, Menschen wurden jedoch nicht verletzt.
Spektakuläre Bahnanschläge in Deutschland
Hamburg - Bahnanschläge in Deutschland haben in der Vergangenheit zum Teil hohe Sachschäden angerichtet. Mindestens sieben Menschen starben, bei mehreren Attentaten wurden Menschen verletzt.
Ziele der Anschläge waren Züge, Gleisanlagen oder andere Bahneinrichtungen wie Schließfächer. Viele Sabotageakte wurden aus reinem Mutwillen verübt, andere in Erpressungsabsicht oder aus Protest etwa gegen das US-Militär oder Atomanlagen. Einer im Juni 1998 bekannt gewordenen Liste des Bundesinnenministeriums zufolge gab es im vergangenen Jahr 68 (1996: 85) gefährliche Eingriffe in den Schienenverkehr. Eine Auswahl der spektakulärsten Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten:
17. Februar 1962: Bei Isenbüttel auf der Strecke Gifhorn-Braunschweig wird ein Schienenbus durch auf die Schienen gelegte Steine zum Entgleisen gebracht. Drei Menschen sterben, 25 werden verletzt.
März bis Juni 1962: In Hamburg und Umgebung wird eine Serie von Anschlägen auf Züge und Bahneinrichtungen verübt, von Steinwürfen bis zur Blockierung von Signalen und Schranken. Mehrere Reisende werden verletzt.
17. September 1966: Mit auf die Schienen gelegten Schottersteinen bringen Kinder bei Bensheim einen aus Worms kommenden Schienenbus zum Entgleisen. Der Zug stürzt acht Meter tief. Ein Mensch kommt ums Leben, 15 werden verletzt.
16. Oktober 1968: Bei Kaiserslautern wird der Schnellzug Frankfurt- Paris durch eine verstellte Weiche zum Entgleisen gebracht. Ein Reisender wird getötet, 26 verletzt.
Mai 1973: In der Nähe von Beckum/Westfalen wird am 4. Mai ein Zug beschossen, in Göttingen am 11. Mai ein Bahnwärter durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. In einem Erpresserbrief fordern die Täter fünf Millionen Mark von der Bundesbahn. Zwei Bundeswehrsoldaten werden festgenommen und zu zwölf und fünf Jahren Haft verurteilt.
16. September 1976: Auf der Strecke Königstein/Taunus-Frankfurt-Höchst entgleist ein Kleinbahn-Triebwagen, nachdem er auf Steine und Baumaterial auf den Schienen aufgefahren war. Obwohl der Wagen eine acht Meter tiefe Böschung hinabstürzt, wird niemand verletzt.
17. Oktober 1977: Ein unbekannter «Monsieur X» verübt einen Anschlag auf den Italia-Express Kopenhagen-Rom bei Emmendingen/Baden, der 23 Verletzte fordert. Auf das Konto des Erpressers gehen bereits zwölf Anschläge, bei denen Sachschäden von rund fünf Millionen Mark entstehen. Im Februar 1978 wird ein Freiburger Aquarienbedarfshändler festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt.
23. August/9. Oktober 1993: Ein unbekannter Erpresser schießt auf einen Eilzug auf der Strecke Minden-Bückeburg und verletzt mehrere Menschen. Nachdem mehrere Versuche der Geldübergabe scheitern, feuert “Charly” in der Nähe von Minden auf einen «Sambazug» der Bundesbahn mit 250 Vergnügungsreisenden. Es wird niemand verletzt.
1994-1996: Mit mindestens sieben Anschlägen auf Bahnanlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin versucht ein Arbeitsloser aus Eisenhüttenstadt, von der Bahn AG ein bis zwei Millionen Mark zu erpressen. Ein Personenzug entgleist, Menschen werden nicht verletzt. Im Oktober 1996 wird der Mann in Dannen (Niedersachsen) festgenommen.
18. Dezember 1998: Unbekannte bringen auf der Bahnstrecke Berlin- Stralsund bei Klein Bünzow in Mecklenburg-Vorpommern einen schwedischen Güterzug zum Entgleisen. Es entsteht Millionenschaden. Verletzt wird niemand. Zehn der 16 mit Papierrollen beladenen Waggons springen aus den Schienen und verkeilen sich. An der Unglücksstelle werden zahlreiche gelockerte Schrauben gefunden.