Krisensitzung im CDU-Vorstand
Mittwoch, Juli 16th, 2008Personelle Konsequenzen zur Diskussion: Muss Kanther gehen?
Wiesbaden/Berlin - Spitzenpolitiker der CDU werden nach den jüngsten Enthüllungen im Spendenskandal jetzt offen personelle Konsequenzen diskutieren. Überraschend wurde am Montag eine Krisensitzung des CDU-Vorstandes für diesen Dienstag nach Berlin einberufen. ”Die Zuspitzung der Lage seit Freitag macht eine solche Krisensitzung erforderlich”, erklärte eine Sprecherin.
Muss Kanther sein Mandat zurückgeben?
Erwartet wird, dass der ehemalige Innenminister und frühere hessische Landesvorsitzende Manfred Kanther in der Sitzung unmissverständlich aufgefordert wird, sein Bundestagsmandat niederzulegen. Weitere Konsequenzen wurden nicht gänzlich ausgeschlossen. Allerdings wurde nicht erwartet, dass Parteichef Wolfgang Schäuble von sich aus Konsequenzen zieht. Auf der Vorstandssitzung soll auch erneut geprüft werden, wie der CDU-Ehrenvorsitzende Helmut Kohl mit allem Nachdruck dazu bewegt werden kann, die Namen anonymer Spender preiszugeben.
Ruf nach personellen Konsequenzen
In der CDU waren die Rufe nach raschen personellen Konsequenzen aus dem Spendenskandal immer eindringlicher geworden, nachdem Kanther am vergangenen Freitag zugegeben hatte, dass auch unter seiner Verantwortung als Chef der Hessen-CDU Millionensummen auf Auslandskonten transferiert wurden. CDU-Vize Christian Wulff sprach sich dafür aus, die für die Affäre direkt Verantwortlichen aus der Partei auszuschließen.
Ermittlungen gegen hessische CDU
Im Finanzskandal der hessischen CDU ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Montag wegen Untreue und Betrugs. Sozialdemokraten (SPD) und Grüne, die bei der Regionalwahl vor knapp einem Jahr unterlegen waren, dringen auf Neuwahlen in Hessen. Bundeskanzler Gerhard Schröder und das SPD-Präsidium unterstützen diese Forderung ausdrücklich.
Opposition will Neuwahlen
Die hessische Opposition will Neuwahlen über eine Selbstauflösung des Landtags erreichen. Einen entsprechenden Antrag wollen SPD und Grüne in der nächsten Woche im Landtag einbringen. Die Legitimität des Handelns der Regierung von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sei schwer geschädigt, wenn überhaupt noch vorhanden, sagte der SPD-Landesvorsitzende und deutsche Finanzminister Hans Eichel. Die CDU und ihr Koalitionspartner Freie Demokraten (FDP) wiesen die Forderung nach Neuwahlen zurück.
Inzwischen prüft die Parlamentsverwaltung die Rückforderung von zumindest zweistelligen Millionen-Beträgen von der CDU. Sie rügte auch den vor drei Wochen korrigierten CDU-Rechenschaftsbericht für 1998.
Der Chef der CDU-Fraktion im Landesparlament von Hamburg, Ole von Beust, und Brandenburgs Innenminister und CDU-Landeschef Jörg Schönbohm forderten Kanther auf, sein Mandat niederzulegen. Mehrere Mitglieder des baden-württembergischen CDU-Landesvorstandes forderten eine Parteiausschluss Kanthers.
”Aufklärung ohne Konsequenzen reicht nicht”, sagte von Beust. Die CDU habe ”genügend Leute in Führungsverantwortung, die nicht im Verdacht stehen, mit diesen Geschichten zu tun gehabt zu haben”. Ob Schäuble Parteivorsitzender bleiben könne, müsse dieser selber entscheiden.
Massive Kritik an der CDU-Spitze kam auch vom Spitzenkandidaten für die Regionalwahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai, Jürgen Rüttgers. ”Ich bin sauer über das Krisenmanagement in Berlin”, sagte er der Zeitung ”Die Welt”.
Brandenburgs CDU-Chef Jörg Schönbohm forderte eine offene Debatte darüber, mit welchen Personen an der Spitze die Union den Neuanfang verfolgen solle. Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef, Edmund Stoiber, beschwor in München die Einheit der CDU und warnte vor einem Auseinanderfallen der Schwesterpartei in mehrere Lager.
Ermittlungen gegen Sayn-Wittgenstein
Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden nahm am Montag Ermittlungen gegen den früheren CDU-Schatzmeister Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein und den Unionsberater Horst Weyrauch wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue auf.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse übermittelte der CDU einen Fragenkatalog, in dem die Partei aufgefordert wird, unklare Mittelzuflüsse in der Vergangenheit genauer zu deklarieren. Die Erläuterungen für die Jahre 1993 bis 1996 in dem erst vor drei Wochen nachgebesserten Rechenschaftsbericht seien ergänzungsbedürftig, hieß es.