Brand in vollbesetzter Gletscherbahn
Mittwoch, Juli 16th, 2008Wien - Das Inferno im Seilbahn-Tunnel ließ ihnen keine Chance. Mehr als 170 zumeist junge Menschen kamen am Samstag qualvoll in den Flammen der Gletscherbahn am österreichischen Kitzsteinhorn ums Leben. 14 Deutsche und vier Österreicher kamen mit Verletzungen ins Krankenhaus von Zell am See. Die Patienten seien zwischen zwölf und 63 Jahre alt und hätten Schocks, Quetschungen und Rauchgasvergiftungen erlitten, berichteten die Gesundheitsbehörden.
Neun Verletzte stammen aus der Unglücksbahn selbst. Die anderen Verletzten waren im Alpincenter der Bergstation, in die giftige Rauschwaden aus dem Tunnel eindrangen. Die Verletzten - darunter ein Schwerverletzter - seien in verschiedene Kliniken gebracht worden.
Ein Überlebender aus der Bahn berichtete von Panik und Todesangst in der brennenden Seilbahn. Der deutsche Urlauber sagte: ”Viele Leute schrien in Todesangst und versuchten verzweifelt, einen Ausgang zu finden.”
”Zug ist praktisch geschmolzen”
”Der gesamte Zug ist praktisch zerschmolzen”, berichtete ein Helfer vom Ort des Grauens. Vergeblich versuchten Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten die Menschen aus dem giftigen Qualm zu holen, der durch den engen Tunnel bis in die Bergstation zog und selbst dort noch drei Menschen den Tod brachte.
Ob unter den Toten Deutsche sind, war nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin auch am späten Nachmittag noch immer unklar. Mehrere Beamte reisten zum Unglücksort im Salzburger Land, um bei der Identifizierung zu helfen.
Ursache noch ungeklärt
Auch die Ursache des bislang schwersten Seilbahn-Unglücks in Europa blieb bis zum Abend ungeklärt. Fest stand nur, dass der Schwelbrand kurz nach 9 Uhr und etwa 600 Meter nach der Einfahrt in den 3,2 Kilometer langen Bahn-Tunnel ausbrach. Er breitete sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Die mit 180 Menschen voll besetzte Bahn wurde zur Todesfalle. Die wenigen Überlebenden waren im hinteren Teil des Wagens, schlugen dort die Scheiben ein und rannten ins Freie.
Die Standseilbahn hatte die meist jungen Leute zu dem Snowboard-Fest zur Saisoneröffnung auf den Gletscher bringen sollen. Das 3.203 Meter hohe Kitzsteinhorn liegt etwa hundert Kilometer südwestlich von Salzburg. Der Gletscher auf dem Gipfel ist ein beliebtes Skigebiet. Die 1974 eröffnete Gletscherbahn führt von Thörl im Kapruner Tal bis zum Alpincenter Kaprun, dem Startpunkt der Pisten.
Kurz nach Ausbruch des Brandes lösten die Behörden Großalarm aus. Die Zufahrt zu dem Alpengipfel wurde großräumig abgesperrt. Unzählige Rettungswagen eilten aus allen Richtungen herbei, über Tausend Helfer waren im Einsatz. Auch die deutsche Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz schickten mehrere Hubschrauber. Zusätzlich entsandte die Bundeswehr drei Ärzteteams des Bundeswehr-Krankenhauses Ulm. Von einem Notärzte-Kongress in Salzburg kamen 20 Ärzte an den Unglücksort.
Tod durch Kohlenmonoxid
Doch die Helfer konnten nichts mehr ausrichten. Die Menschen sterben in solchen Fällen meist durch das Einatmen von Kohlenmonoxid, erläuterte der Frankfurter Feuerwehrdirektors Reinhard Ries. Bei der Katastrophe habe es zudem mehrere unglückliche Umstände gegeben. Wegen der starken Neigung des Tunnels seien die Flammen von unten mit Luft versorgt worden: ”Das funktioniert wie ein Schornstein.” Der Seilbahn-Tunnel sei außerdem - anders als viele Straßentunnel - sehr schmal und dadurch die Flucht- und Rettungsmöglichkeiten eingeschränkt. ”Das ist einer der furchtbarsten Einsätze der Feuerwehr.” Von den Toten bleibe nicht viel übrig. Die Identität der Opfer wird nach Einschätzung des bayerischen Innenministeriums frühestens am Sonntag geklärt sein können.
Die Standseilbahn ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um auf das Kitzsteinhorn zu kommen. Sie ist 3,8 Kilometer lang, von denen 3,2 Kilometer durch einen Tunnel führen. Bei ihrer Inbetriebnahme 1974 galt sie als technische Meisterleistung. 1994 wurden zwei neue Züge angeschafft, die je 180 Menschen fassen. Standseilbahnen werden meist auf kurzen, geraden Strecken eingerichtet. Die Wagen werden mit Zugseilen auf Schienen auf- und abwärtsbewegt.
Letzte Wartung im Juni 1997
Die Kitzsteinhorn-Bahn ist nach Auskunft der Einsatzleitung in Kaprun zuletzt im Juni 1997 technisch überprüft worden. Das Gesetz schreibe eine Überprüfung alle fünf Jahre vor. Die Betreiber hätten versichert, dass die Anlage erst vor kurzem gewartet worden sei, sagte Landeshauptmann Schausberger. Der Maschinenbau-Ingenieur Klaus Eisenkolb, der die Unglücksbahn wiederholt untersucht hatte, meinte, dass ein gerissenes Zugseil die Katastrophe ausgelöst haben könnte. Das fünf Zentimeter dicke Stahlseil wäre nach dem Riss talwärts gestürzt und hätte große Hitze entwickeln können.
Nach der Katastrophe waren noch etwa 2.500 Skifahrer auf dem Gletscher, die mit einer Achter-Sesselbahn ins Tal gebracht wurden. Danach sollten alle Lifte auf dem Kitzsteinhorn in den österreichischen Alpen gesperrt werden.
Ein vergleichbar schweres Unglück hat sich bei europäischen Seil- und Bergbahnen noch nicht ereignet. Das letzte schwere Unglück liegt mehr als 20 Jahre zurück: 1976 war bei Cavalese in Norditalien eine vollbesetzte Seilbahn-Kabine 60 Meter in die Tiefe gestürzt und hatte 42 Menschen mit in den Tod gerissen. Am Kitzsteinhorn waren erst im vergangenen März zwölf Menschen tödlich verunglückt. Ein gigantisches Schneebrett hatte die Skifahrer, die auf dem Gletscher gerade eine Skilehrer-Ausbildung machten, unter sich begraben.